Hallo Leute
Liebe Gruesse aus Peru!!!
Muss mich erst mal entschuldigen, dass ich mich so lange nicht gemeldet hab. Heute hab ich endlich mal Zeit und Ruhe dafuer, weil heute die gesamte Bevoelkerung (bis auf einige Ausnahmen) zu Hause bleiben muss. Diesen Sonntag wird die peruanische Bevoelkerung gezaehlt.
Im Laufe des Tages wird irgendjemand vorbeikommen und eine Menge Fragen, vor allem zum Lebensstandard, stellen. Damit werden eine Menge Statistiken aufgestellt, die dabei helfen sollen politische Massnahmen zielgenauer zu ergreifen. Das ist natuerlich eine sinnvolle Sache, aber dass man nicht raus darf ist schon ein bisschen seltsam... Es sind natuerlich alle Geschaefte zu, kein Verkehr, und ausser patroullierenden Polizisten und den Leuten, die in die Haueser gehen, keine Leute auf der Strasse. In ganz Lima!!! Wer sich draussen blicken laesst bekommt wohl ganz schoen Aerger...
Naja, so viel mal zum heutigen Tag. Ich hoffe, dass das Wetter noch mal so schoen wird wie gestern., langsam haelt doch der Fruehling Einzug.
Ich hab die letzte Woche fleissig Tagebuch geschrieben, und will euch anhand von einer Woche mal zeigen, wie der Alltag hier aussieht. Wobei sich fuer mich immer noch kein Alltag eingestellt hat. Ich hab letzte Woche erst ein weiteres Projekt angefangen. Die Organisation heisst Manthoc und engagiert sich fuer Kinder, die in der Strasse arbeiten muessen, um sich selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Einrichtung befindet sich in einem ziemlich armen Stadtviertel. Das war fuer mich zu Beginn ein bisschen nervenaufreibend, weil mich meine Freunde und Familie vor der Gegend gewarnt haben. Man sollte eben keine Wertsachen mitnehmen, keinen Schmuck tragen und immer gut aufpassen...
Die Gegend hat mich schon sehr schockiert. Ueberall liegt Muell in der Strasse, es riecht fies und alles ist irgendwie dreckig... Aber ich war auch diesmal erstaunt, wie schnell man sich an die Dinge gewoehnt. Ich bin jetzt schon vergleichsweise relaxed, wenn ich nach San Juan fahre.
In Lima gibt es einige schoene Viertel, wie “Miraflores” und “Barranco”. Das sind die Viertel, in denen sich die meisten Touristen aufhalten und ihr Geld lassen. Den ueberwiegenden Teil der Stadt kann man nach unseren Massstaeben aber nicht als schoen bezeichnen. Ich hab natuerlich das Glueck in einer “reichen” Familie zu wohnen, aber ich hab auch schon eines der “jungen Doerfer” am Stadtrand besucht, in denen die arme Bevoelkerung zu Hause ist. Dazu spaeter mehr...
Noch mal kurz zu der Einrichtung Manthoc. Die Kinder dort sind zwischen sechs und achtzehn Jahren alt und in zwei Gruppen aufgeteilt. Ich werde mich nachmittags mit den zwoelf-achtzehnjaehrigen beschaeftigen. Es geht darum ihnen grundlegende Dinge beizubringen. Die Jugendlichen haben zum Teil nicht mal eine Grundschulausbildung. Das werd ich aber naechste Woche genauer erfahren. Bis jetzt war irgendwie immer was anderes los und wir sind nicht so zum arbeiten gekommen...
In Manthoc gibt es noch weitere Voluntarios. Das ist natuerlich suuuper =)
Eine Deutsche, Elisa aus Muenster und eine Franzoesin, Chloé. Sind beide sehr nette Maedels! Naechsten Monat kommt wohl noch eine Italienerin dazu.
Jetzt muss ich aber langsam mal anfangen...
Samstag,13.10.07
Das Wochenende: Samstag morgen hab ich natuerlich erst mal ein bisschen laenger geschlafen. Dann bin ich losgezogen, um mir eine Zeitung und Joghurt fuer’s Fruehstueck zu kaufen. In meiner richtigen Familie in Deutschland gibt es ja Samstags immer ein grosses Fruehstueck. Das vermisse ich hier ein wenig... Es gibt ja fast immer nur eine Sorte Brot und selten Kaese. Da ist ein Obstsalat mit den leckeren Fruechten, die es hier gibt und Joghurt ein ganz gutes Trostpflaster...
Danach hab ich mit meinen Eltern telefoniert. Darauf freue ich mich immer sehr. Ich hab zum Glueck nicht schwer mit Heimweh zu kaempfen, aber man bleibt natuerlich irgendwie fremd. Fuehlt euch alle mal feste gedrueckt =) Ich vermiss euch auch!!! Ihr mich doch auch, oder =)???
Gegen Abend bin ich mit Fabiola, einer guten Freundin, in eine Art Kirche fuer Jugendliche gefahren. Das war schon sehr anders, als die Messen, die ich bisher besucht habe. Der Raum gleicht einem Gemeindesaal, es gibt nicht einmal ein Kreuz oder eine Figur. Zu Beginn hat eine Band gespielt. Das war eher die Atmosphaere von einem Rockkonzert, als einer Messe...
Danach wurde dann eine Bibelstelle gelesen und in Form einer Art Predigt erlaeutert. Das hat mir schon ganz gut gefallen.
Spaeter bin ich mit Taylin und Adita, einer Freundin auf eine Hausparty von ihren Unileuten gefahren. Das war ganz lustig, weil ich mich ja mitterweile auch relativ gut mit den Leuten unterhalten kann. Da hab ich auch ein bisschen Salsa tanzen gelernt. Das ist aber gar nicht so einfach, ich muesste mal in eine Tanzschule gehen. Es ist nur nicht so einfach einen Partner zu finden, dem ich halbwegs gerade in die Augen schauen kann...
Sonntag,14.10.07
Ich hab die Nacht in Taylin’s Haus geschlafen Taylin und ihre Mama sind sehr gastfreundlich.
Mittags waren wir in einem Steakhaus ziemlich lecker essen. Die reichen Familien gehen Sonntags immer aus essen, weil die Hausangestellten da frei haben, und man hier fuer ziemlich wenig Geld auswaerts essen gehen kann.
Ich habe ein Steak mit Champignons und Kaese ueberbacken bestellt. Das war schon herrlich, hier in Lima isst man sonst ueberwiegend Haehnchenfleisch.
Wir sind dannnoch ein bisschen in Miraflores rumgelaufen und ich bin erst gegen Abend zu Hause angekommen.
Montag, 15.10.07
Heute haben die Busfahrer gestreikt. Sie wehren sich dagegen, ihre Autos regelmaessig auf Sicherheit ueberpruefen lassen zu muessen. Keine so schoene Vorstellung... aber die Realitaet. Die Leute, die die Busse betreiben haben kein Geld fuer Reparaturen. Wenn die alten Kisten nicht mehr fahren, wird wahrscheinlich unter Bekannten irgendwie was zusammengeflickt...
Jedenfalls sind heute viele Leute zu spaet zur Arbeit gekommen.
Fuer mich war das erst mal kein Problem. Ich fahre ja morgens mit meiner Gastmutter Melva zur Arbeit in der Gehoerlosenschule Cpal. Dort hatte ich einen normalen Arbeitstag. Ich hab mit den Kindern Vokabeltraining gemacht, Memory und andere Spiele gespielt.
Beim Vokabeltraining hat Tomás sich furchtbar aufgeregt, weil er mir nicht glauben wollte, dass ein Glas eben ein Glas ist. Er meinte ein Becher sei ein Glas. Die Kinder haben manchmal falsche Vorstellung von Gegenstaenden und den dazugehoerigen Begriffen...
Veronica, ein anderes Kind in meiner Gruppe, hat wieder ziemlich viel geweint. Man weiss aber nicht so richtig was sie hat. Von sich aus sagt sie nichts. Wenn man sie fragt, ob ihr was weh tut sagt sie ja, aber wahrscheinlich nur, damit man sich speziell um sie kuemmert.
An den zwei Beispielen sieht man schon, dass die Kinder ziemlich kompliziert sein koennen.
Wegen dem Streik konnte ich nicht nach Manthoc fahren. Melva sagte, dass sei zu gefaehrlich, da ich zur Hauptverkehrszeit zurueckfahre und event. keinen Bus finden wuerde.
Ich hab den Montag nachmittag dann genutzt um Schlaf vom Wochenende nachzuholen=)
Dienstag, 16.10.07
Heute bin ich zum ersten Mal von Cpal aus direkt nach Adoratrices (weiteres Projekt) gefahren. Die Fahrtzeit betraegt etwa eine Stunde, auf dem Rueckweg auch mehr... Um nicht so viel Zeit zu verlieren, hab ich Rocio gebeten, ob sie fuer mich mitkocht.
Mit den Kindern in Adoratrices hab ich mit Knete gespielt. Die Kinder freuen sich sehr ueber solche Dinge, weil es fuer sie etwas Aussergewoehnliches ist.
Morgens in Cpal, hatte ich ein ziemlich peinliches Erlebnis. Aber ich erzaehl es euch, weil es lustig ist, und bis ich wiederkomme, habt ihr es ja bestimmt vergessen=)
An unserem Klassenzimmer kamen ein paar Jungs vorbei. Sie hatten wohl faule Eier dabei, es hat jedenfalls ganz schoen gestunken. Die Kinder sagten dann “Das stinkt, das stinkt”. Ich wollte ihnen eigentlich nur zustimmen, hab aber statt “Es stinkt” “Ich stinke” gesagt. Das fanden die natuerlich ziemlich lustig, sind direkt losgelaufen, die Botschaft verkuendend “Julia stinkt”, “Julia stinkt”. Ich durfte dann den irritierten Lehrern erklaeren, dass ich statt “Huelle feo”, “Huello feo” gesagt hatte, was den feinen Unterschied ausmacht...
Mittwoch, 17.10.07
In Cpal haben wir uns die Fotos vom Zoo angeschaut, den wir vor den Ferien besucht hatten. Dazu sind wir in den Computerraum gegangen, weil ich die Bilder auf dem USB- Stick hatte. Das war sehr schoen, weil die Bilder sehr viel Gespraechsstoff bieten, die Kinder sich freuen und dem entsprechend viel reden. Leider musste ich frueher gehen, um zu Hause zu essen und anschliessend nach Manthoc zu fahren.
Die Hinfahrt nach Manthoc war ziemlich nervenaufreibend, weil die Gegend ja ein bisschen gefaehrlich ist, und ich mich noch nicht auskenne. Es war das erste Mal, dass ich alleine hingefahren bin. Hat aber alles funktioniert.
In Manthoc angekommen, hab ich dann Elisa kennengelernt und bin direkt mit ihr, der Sozialarbeiterin Nilda und einigen Kids zu einem “Hausbesuch” aufgebrochen. Wir sind in einem Kleinbus in das “junge Dorf” von San Juan gefahren.
Die Strassen dort sind nicht geteert, sie haben tiefe Loecher. Die Haeuser sind eher Huetten, die meisten haben keine Fenster. Wenn man sich vorstellt, dass darin eine ganze Familie zu hause ist...
Wir steigen auf einen hohen Berg. Die Huette der beiden Kinder liegt ziemlich weit oben. Zum Teil fuehren Treppenstufen nach oben, zum Teil muss man so den Berg rauf krachseln... Oben haben wir ein weitlaeufige Aussicht auf das Viertel, mit lauter Blechhuetten. Ueberall Muell, streunende Hunde, Kinder, die spielen oder teilnahmslos am Strassenrand sitzen. Vor einem Haus sitzt eine Frau und waescht Kleidung auf der Hand. Die Sozialarbeiterin meint, dass es noch relativ schoen hier sei, weil der Wegesrand zum Teil bepflanzt ist. Einige Huetten haben Zaeune oder ein bisschen gruen vor der Tuer.
Wir betreten das Haus der Kinder. Der Junge schliesst auf. Die Eltern sind beide bei der Arbeit.
Ich bin zimlich schockiert von dem was ich sehe. Alle schlafen in einem Raum, in zwei Hochbetten. Es gibt nur ein schwaches Licht. Obwohl es Tag ist, ist es ziemlich dunkel in der Huette. Ueberall liegt Kram rum. Alles wirkt irgendwie siffig... Auf dem kleinen Gartentisch liegt trockenes Brot. Die Kinder nehmen sich davon, bieten uns etwas davon an. An der Wand haengen einige Poster von der peruanischen Fussballmannschaft, daneben ein Bild von der Muttergottes.
Die Sozialarbeiterin fragt den Jungen Einiges. Woher bekommt ihr euer Wasser, wie viele Mahlzeiten am Tag, was arbeiten deine Eltern... Sie hinterlaesst eine Nachricht fuer die Eltern.
Wir fahren zurueck nach Manthoc. Elisa stellt mich den Schuelern vor, mit denen ich arbeiten werde. Es sind allerdings nur vier von Zwoelfen da. Die uebrigen wurden zum Teil fuer ein paar Tage von der Schule suspendiert, weil sie wohl Mist gebaut haben... Scheint kein leichter Haufen zu sein... Ein Junge, Franco, ist wohl behindert. Zur Begruessung umarmt er mich und will mich gar nicht mehr loslassen. Das ist schon irgendwie schlimm, sich dann loszureissen...
Von San Juan aus fahre ich dann direkt nach Miraflores, in “meine Welt”, um mich mit Fabiola zu treffen. Der Unterschied zwischen den beiden Vierteln ist enorm, der totale Gegensatz. Mit Fabiola gehe ich in Larcomar, ein Ort an der Kueste, in einem Restaurant zu Abend essen.
Donnerstag, 18.10.07
In Cpal war heute ein Fernsehteam. Die Gruenderin der Schule hat vor Kurzem einen wichtigen Orden bekommen. Sie haben auch in unserem Klassenzimmer gefilmt. Ich weiss nicht so genau, ob ich auch drauf bin, vielleicht mal im Hintergrund... Am Sonntag wird es wohl ausgestrahlt=) Anni, die Lehrerin, mit der ich arbeite, hat¨s aber ganz schoen erwischt... sie ist eine Viertelstunde bei der Arbeit gefilmt worden. Das hat ihr gar nicht gepasst, normalerweise scheut sie jedes Foto...
In Adoratrices ist ein weiteres Kind in die Gruppe gekommen. Ricardo, acht Monate... Weil er ziemlich viel geweint hat, ist die Mutter die meiste Zeit in der Krippe geblieben. Ich hab mich nett mit ihr unterhalten.
Ausserdem hab ich den Kindern die Tiere (Gummifiguren) gezeigt, die ich fuer sie gekauft habe.
Sie haben sich gefreut, gefragt, wie die Tiere heissen und mit ihnen gespielt.
Nach der Arbeit hab ich mich mit Juan Antonio, einem guten Freund getroffen.
Freitag, 19.10.07
In Cpal war heute wieder ein normaler, entspannter Tag ohne Presserummel...Wir haben noch mal Fotos vom Zoo geguckt, weil wir am Mittwoch nicht alle geschafft hatten. Zur Zeit schaut Carla bei uns zu. Sie studiert Erziehung und kommt an drei Tagen morgens fuer ein paar Stunden.
In Manthoc wurde heute der Geburtstag der Hausleiterin gefeiert. Das war ganz lustig, weil alle spontan zu tanzen begonnen haben.
Danach sollte das Haus von den ganzen Lehrern, Voluntarios und einigen Schuelern aufgeraeumt und entruempelt werden. Das ging aber leider ziemlich unorganisiert vor sich. Elisa und ich sollten dann schliesslich eine Raum entruempeln, der wohl frueher mal als Baeckerei(-werkstatt) gedient hat. Das war ne ziemlich fiese Arbeit. Wir haben z.B. eine tote Maus und ziemlich viele Krabbeltiere gefunden. Wir wussten auch nicht so genau, was wir nun wegschmeissen koennen und was noch gebraucht wird... Immerhin haben wir uns dabei ein bisschen besser kennen gelernt.
Uff...;-) Ich hoffe ihr habt bis zum Schluss ausgehalten! Freu mich darauf, von euch zu hoeren!
Was gibts neues aus der Heimat???
Wuensch euch alles Gute!! Bis bald
Julia